Tag 3 auf dem Harzer Hexenstieg
Von Torfhaus nach Drei Annen Hohne
Zahlen, Daten und Fakten
Einfach bloß schnell weg...
Um 4.30 war die Nacht vorbei. Ich wurde von einer Fliege terrorisiert und konnte bei bestem Willen nicht mehr einschlafen. Also mal googlen, wann der erste Bus Richtung Torfhaus fährt. Ich möchte einfach nur noch raus aus diesem Hotel. Aber vor 7 finde ich absolut keine Verbindung. Dann mal gucken, wann hier ein Bäcker aufmacht. Auch nicht vor 7. Auch wenn ich mit Frühstück gebucht habe, darauf verzichte ich dankend. Also halb 7 aufstehen und mich fertig machen, schnell zum Bäcker, was nettes fürs Frühstück besorgen, denn das möchte ich gerne auf dem Brocken machen, dann auschecken und ab zum Bus.
Leider war das auschecken mehr als kompliziert. Ich musste nämlich noch diskutieren, dass ich wenigstens die Gästekarte und somit das Hatix Ticket bekomme. Mit einer ziemlichen Wut im Bauch laufe ich zum Bus. An der Bushaltestelle angekommen stelle ich fest, dass ich noch 25 Minuten bis zur Abfahrt habe, aber immerhin gibt es eine Bank. Ich bleibe nicht lange alleine und habe schon das erste wirklich tolle Gespräch. Ich lerne eine Dame kennen, sie ist schon über 80 und plant heute auch eine extreme Wanderung. Sie will über den Brocken auf den Wurmberg wandern und dann mit dem Bus zurück nach Bad Harzburg. Meinen absoluten Respekt hat sie jetzt schon für diese Leistung.
In Torfhaus angekommen suche ich mir erstmal noch schnell eine Bank, denn der Pullover ist mir schon jetzt viel zu warm. Gegen Mittag sind Gewitter angesagt und ich hoffe, dass das Wetter hält, aber im Moment sieht es gut aus. Also los geht’s. Start in Tag 3. Die ersten Kilometer laufen sich ganz entspannt. Aber irgendwie nervt mich etwas im Schuh. An der Schutzhütte am Eckersprung Nr. 136 läuft mir auch der Schweiß in Strömen und ich entscheide mich doch eine kurze Pause zu machen. Hose wechseln, gucken, was im Schuh ist und dann noch den 1. Stempel des Tages ins Heft drücken. Im Schuh ist nichts zu finden, aber bevor es ne Blase gibt Tape ich mir die unangenehme Stelle. An der Schutzhütte treffe ich auf die beiden Mädels aus der Pension. Sie haben im Schullandheim geschlafen und schwärmen davon. Sie laufen weiter, während ich noch den Rucksack startklar mache.
An den Schicksalfahnen, auch einer Hexen-Stieg-Station, ist es mir immer noch zu heiß und ich trenne mich auch vom T-Shirt und laufe im Top weiter. Hinter mir höre ich ein Schnaufen, ja ich schnaufe mittlerweile auch ganz schön, aber dieses Schnaufen ist anders. Ach ja neben mir sind die Gleise der Brockenbahn und der Harzer Hogwartsexpress ist im Anmarsch. Schnell das Handy raus und ein Erinnerungsfoto machen. Ist schon immer ein tolles Erlebnis.
Ich treffe auf die Brockenstraße und durchquere die Knochenbrecherkurve und überwinde die letzten Höhenmeter bis zum Brockengipfel. Wahnsinn mit fast 12 kg Gepäck in unter 2 Stunden auf dem Gipfel, damit habe ich nicht gerechnet. Die Wolken werden immer dichter. Ich gehe als erstes zum Sonderstempel Brockengarten, um danach noch den Stempel Nr. 9 Brocken ins Heft zu stempeln. Am Gipfelstein lasse ich mich von einer netten Touristin fotografieren und dann gönne ich mir eine eiskalte Cola auf dem Gipfel. Dank Corona hat oben leider alles zu, aber immerhin gibt es draußen eine kleine Bude, an der man sich eine Cola kaufen kann. Ich suche mir einen Platz in der Schutzhütte, checke mal Komoot, wie viele km es heute noch sind und wie lange ich noch brauche, denn auch heute muss ich mit dem Bus fahren, um zu meiner Unterkunft zu kommen. Und dann fängt es an zu Regnen. Wie gut, dass ich meinen Platz schon gesichert habe, denn schnell wird es verdammt voll in der kleinen Hütte und alle quetschen sich zusammen um nicht bis auf den Schlüpper nass zu werden.
Ich checke das Regenradar. In ca. 1h soll es weniger werden bzw. aufhören. Na super. Eine Stunde auf dem Gipfel sitzen das war so nicht geplant, aber machen wir das beste draus. Der Brocken macht seinem Namen auch alle Ehre und zeigt sein isländisches Klima. Von knapp 30 Grad ist es binnen weniger Minuten bis auf 10 Grad abgekühlt. Ich fange an zu frieren und suche alle Schichten, die ich vorher abgelegt hatte, wieder aus dem Rucksack raus. Warm eingekuschelt, warte ich, dass der Regen weniger wird, aber es kommt noch ein Gewitter hinzu. Noch einmal das Regenradar checken. Noch 40 Minuten, dann soll es trocken werden. So langsam kommt man mit den Leuten ins Gespräch und jeder erzählt, wo es für Ihn oder Sie heute noch hingeht. Mein Ziel Drei Annen Hohne hat keiner auf der Liste. Die meisten wollen nach Schierke oder nach Torfhaus. Die Radfahrer fast alle nach Bad Harzburg und ein Wanderer möchte zurück nach Ilsenburg.
So langsam lässt der Regen nach und ich entscheide mich bei minimalem Nieselregen schon aufzubrechen denn schließlich sind es noch eine Kilometer bis nach Drei Annen Hohne. Zurück auf der Brockenstraße folge ich dieser. Und fluche schon jetzt, denn ich bin warm eingepackt losgelaufen. Schlechte Idee nach kurzer Zeit rinnt mir der Schweiß in Strömen und ich muss anhalten und mich ausziehen. Immerhin regnet es nicht mehr. So langsam kommt auch die Sonne wieder zum Vorschein und der Asphalt beginnt zu dampfen. Aus dem Tal kommt mir eine Pferdekutsche entgegen. Die beiden Kaltblüter sind mindestens genau so nassgeschwitzt wie ich, denn es wird schon wieder drückend warm. Am Gelben Brink Nr. 22 und Stempel Nr.3 für mich ziehe ich auch wieder die lange Hose aus und laufe in kurzer Shorts weiter.
Ich laufe über den Glashüttenweg weiter Richtung Ahrentsklint Nr.135. Um zum Stempel zu gelangen verlasse ich den Weg und tauche tiefer in den Wald ein. Das Ahrentsklint ist eine Granitklippe, die sogar bestiegen werden kann, aber ich sehe vom Standort des Stempelkastens nicht und auch die Schilder verwirren mich etwas, sodass ich mich entscheide auf den Hauptweg zurück zu kehren.
Der Hexenstieg führt mich um den Erdbeerkopf herum und es wird abenteuerlich. Der letzte Sturm hat hier einige Bäume zum umstürzen gebracht und ich muss drunter durch oder oben drüber klettern. Einmal bleibe ich mit meinem Rucksack sogar hängen und muss ihn abnehmen um mich aus meiner Notsituation zu befreien. Er bleibt einfach am Ast hängen und ich kann ihn wie vom Bügel abnehmen. Rucksack wieder auf und weiter geht’s.
Am Trudenstein Nr. 17 finde ich den 5.Stempel für heute. So langsam fordern meine Füße auch eine Pause und ich nutze hier eine Bank im Schatten um zu entspannen. Mir juckt es aber auch in den Füßen noch auf den Trudenstein zu klettern. Meinen Rucksack lasse ich unten und so mache ich mich nur mit der Kamera auf den Weg die Leitern hoch. Ich habe einen fantastischen Weitblick.
Nicht mehr weit ist es jetzt bis nach Drei Annen Hohne und ich gucke noch einmal nach den nächsten Busverbindungen. Meinen geplanten Bus könnte ich noch schaffen, na mal gucken, ob das klappt. Aber jetzt geht es erstmal zum Natur- und Erlebniszentrum Hohnehof. Doch da gucke ich in den Himmel und entscheide schon einmal prophylaktisch den Regenponcho anzuziehen, da kommen nämlich ziemlich dunkle Wolken. Beim Abstieg zum Hohnehof fängt es auch kurz und heftig an zu Regnen. Glück habt würde ich sagen, denn ich bleibe halbwegs trocken. Am vorletzten Etappenziel angekommen, stempel ich noch schnell die Nr.174 ins Heft und dann geht’s zum Bahnhof. Naja fast. Dank des Tipps eines netten Rangers erfahre ich noch vom Sonderstempel Löwenzahnentdeckerpfad und da das kein Umweg ist, naja gut vielleicht 50m nehme ich den auch noch mit.
Am Bahnhof angekommen, sieht es immer noch nach Regen aus und so suche ich mir zumindest eine halbwegs geschützte Ecke, denn auf meinen Bus muss ich noch 15 Minuten warten. Und dann öffnet auch der Himmel schon seine Schleusen und es beginnt zu schütten. Einige Motorradfahrer stellen sich vor mich, um sich vor dem Regen zu schützen. Das war nicht so gut, denn der Busfahrer sieht mich und nur durch hektisches Winken macht er eine Vollbremsung und ich kann doch noch mitfahren. Glück gehabt. Der Motorradfahrer rief noch hinterher, zur Not hätten wir dich gefahren.
Mein Ziel heute ist das Harz Hostel in Wernigerode. Immerhin fährt der Busfahrer heute entspannter und ich genieße es im Trockenen zu sitzen bei dem Sauwetter draußen. In Wernigerode angekommen laufe ich den wirklich kurzen Weg vom Bahnhof zum Hostel. Nach weniger als 5 Minuten bin ich schon da und werde von Personal freundlich begrüßt. Ich erzähle von meiner schrecklichen Nacht und sage nur, dass ich mich auf eine heiße Dusche freue und mir wird garantiert, dass ich die bekomme. Ich freue mich sehr. Die beste Nachricht ist allerdings, dass ich mein 4-Bett-Zimmer, dank Corona ist die Anzahl eh schon reduziert, jetzt ganz für mich alleine habe. Glück muss man haben.
Ich gehe auf mein Zimmer, beziehe das Bett und gehe unter die heiße Dusche. Gefühlt dusche ich ne Stunde aber in Wahrheit waren es vielleicht höchstens 15 Minuten. Danach wird erstmal auf dem Bett gechillt bevor ich mich für den Abend fertig mache, denn am Abend habe ich mich mit einem sehr guten Freund verabredet zum Eis essen.
Wir laufen dann gemeinsam den kurzen Weg vom Hostel in die Altstadt und genießen ein leckeres Eis mit Blick auf das Rathaus von Wernigerode. Eigentlich mag ich nicht mehr laufen, aber mit Flip Flops und ohne schwere Wanderschuhe geht es jetzt ganz gut und ich genieße den Spaziergang. Zurück am Hostel genieße ich den Blick auf den Brocken aus meinem Zimmerfenster und gehe schon bald schlafen, denn der wenige Schlaf aus der letzten Nacht macht sich jetzt doch bemerkbar.
Fazit
In unter 2 Stunden auf dem Brocken angekommen zu sein, hat mich wahnsinnig stolz gemacht und ich habe auch immer noch ein Grinsen im Gesicht, wenn ich daran denke. Heute war ein Stempelreicher Tag und dem Ziel Wanderkaiserin bin ich wieder ein Stück näher gerückt. Ein Gewitter auf dem Brocken zu erleben gehört definitiv zu den Erlebnissen die ich nicht wieder vergessen werde. Das Naturschauspiel, was ich hier erlebt habe war sehr beeindruckend, denn die Blitze waren gefühlt zum Greifen nah. Ich habe heute viele tolle Wanderbekanntschaften gemacht und habe jede einzelne Unterhaltung genossen. Vielen Dank auch noch einmal an den netten Ranger vom Hohnehof, das war für mich keine Selbstverständlichkeit. Glück hatte ich, dass der Busfahrer mich noch gesehen hat, denn sonst hätte ich noch eine Stunde dort warten müssen, um nach Wernigerode zu kommen. Aber Glück im Unglück, der Busfahrer war aufmerksam und hat mich mitgenommen. Ein Treffen mit Freunden ist immer eine gute Idee und dabei noch ein Eis zu genießen ist noch viel schöner. Ein schöner Abschluss für einen gelungenen Wandertag, auch wenn der Start alles andere als ideal gewesen ist.